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Über Musik
Wenn wir auf die Grundsubstanz eines jeden Musikstückes blicken, so setzt es sich immer aus Rhythmus, Harmonie
und Melodie zusammen. Dies ist völlig unabhängig davon, ob es sich um Klassik, Ethno- bzw. Folk- oder Popmusik
handelt. Natürlich lässt sich dabei beobachten, dass die verschiedenen Stilarten unterschiedlich stark von diesen
drei Elementen geprägt sind. In einer ersten noch recht groben Einteilung kann man sagen, dass die klassische
Musik melodisch und thematisch geprägt ist, die Volksmusik von schlichten und eingänglichen Harmonien und die
Pop- und Rockmusik von Rhythmus und Takt. Natürlich könnte man in jedem Bereich noch weiter differenzieren.
Wie wirken diese drei Elemente im Einzelnen? Woher kommt die Prägung der oben genannten Stilrichtungen und
was hat dies mit uns Menschen zu tun? — Wenn Sie sich fragen: «Wodurch erkenne ich ein Musikstück, einen Song
unverwechselbar wieder?», so werden sie bald auf die Melodie kommen. Sie ist die Idee des Ganzen, sie gibt ihm
quasi eine Individualität. Komponisten sprechen daher bei einer gelungenen Melodie von einem inspirierten Einfall,
so z. B Paul McCartney, als er eines Morgens aufwachte und die Melodie von Yesterday in seinem Innern hörte und
sich zunächst gar nicht sicher war, ob sie nicht vielleicht schon existierte und er erst prüfen musste, ob es wirklich sein originärer Einfall war.
Ein Stück unbewusster wirkt schon der harmonische Bereich, der uns erst dann zu stören beginnt, wenn
Dissonanzen überhand nehmen, wie es scheinbar bei vielen Musikstücken der Moderne der Fall ist. Ob ein Werk
erheiternd oder nachdenklich bzw. melancholisch wirkt, hängt sehr stark von diesem Bereich ab. Harmonien
ergreifen unser Gefühl und können es stark beeinflussen. Das wissen alle Filmregisseure und stimmen die Musik
entsprechend ab. ; Rhythmus wirkt noch eine Schicht tiefer und unbewusster. Wir erleben ihn unmittelbar bis in
den eigenen Leib hinein. Je nach Stärke und Charakteristik bleiben wir nicht mehr ruhig sitzen und werden zur Bewegung animiert.
Wir können also sagen, dass diese drei Elemente nicht ganz zufällig existieren, sondern in verblüffender
Korrelation zu den Hauptelementen des menschlichen Bewusstseins stehen, also zum Vorstellungs- und
Erinnerungsvermögen, der gesamten Gefühlswelt und dem menschlichen Willen. Man kann diese Elemente noch
stärker auf den Menschen beziehen, indem man bemerkt, wie die Melodie zunächst mit dem Kopf erfasst wird,
die Harmonie auf die menschliche Mitte – den „Herzbereich“- wirkt und der Rhythmus mit den Gliedmaßen verbunden ist.
Ebenso ist es kein Zufall, dass die drei Instrumentengruppen, die diese Funktionen erfassen, genau in diesen drei
Bereichen ihre Heimat haben. So sind z.B. Blasinstrumente wie Oboe, Klarinette oder Flöte typische Melodieträger
und werden am menschlichen Kopf zum Spielen angesetzt. Die Streich- und Saiteninstrumente bewegen sich in der
Harmonie und werden meist vor der menschlichen Brust gestrichen oder gezupft. Bei einem virtuosen Schlagzeuger
werden Hände und Füße zu einer Einheit mit dem Instrument. Es gibt noch einen — hier nur kurz angedeuteten -
verblüffenden Zusammenklang dieser drei Elemente im Hinblick auf ihre Heimat auf dem gesamten Planeten, so als
wäre über die Erdoberfläche hin noch einmal ein ganzer Mensch ausgebreitet. Wenn man in den Norden geht, in
die kühleren Regionen, findet man noch Reste endloser Epen, wie die Kalevala oder das Traumlied des Qlav Ästeson, die über Stunden oder Tage mit sich fein variierenden Melodien vorgetragen wurden. Am Wärmepol, in die Nähe
des Äquators, findet man - ob in Afrika, in Südamerika oder anderen Regionen dieser Gegend — einen schier
unfassbaren Reichtum verschiedenster Rhythmen. Ursprungs- und Entwicklungsraum der Harmonien im engeren
Sinne sind die gemässigten Zonen und hier vor allem Europa.
Die Grundpole der Musik sind also Melodie und Rhythmus, die einer Vermittlung durch die Harmonie bedürfen.
Diese Gesetzmäßigkeit kannte man schon im alten Griechenland und brachte sie in das Bild des musikalischen
Wettstreits zwischen Marsias und Apollo. Marsias als ein menschlicher Vertreter des Gottes Dionysos wird nackt
und sehr muskulös, also „gliedmaßenbetont“dargestellt. Zwar bläst er den Aulos (Doppelflöte), doch galt seine
Musik als wild und rhythmisch bewegt. Apollo hingegen ist gänzlich bekleidet und sitzend dargestellt, er berührt
kaum die Erde und spielt auf der Kythara (Leier) sanfte Melodien. Er vertritt den Bewusstseins- oder Kopfbereich.
Le sacre du printemps löste bei seiner Uraufführung 1913 in Paris einen Skandal aus, da die unmittelbare
rhythmisch-dionysische Wucht des Werkes das damalige Publikum überforderte und provozierte. Man kann daran
bei aller Großartigkeit die bis dahin geltende Einseitigkeit der »alten" klassischen Musik in ihrer Hinneigung zum
Gedankenpol des Menschen erkennen und auch eine gewisse Angst vor den mehr dunklen Kräften des
menschlichen Leibes. Den Anschluss aber an diese Kräfte suchen viele Menschen, denn sie sind ja gerade ab der
Pubertät dabei, ihren Leib neu kennen zu lernen, sie müssen sich mit den in die Länge schießenden Gliedmaßen
anzufreunden und sie neu zu gebrauchen. Hier hat im Moment die Pop- und Rockmusik ihr Revier, da sie aus den
vitalen Rhythmen der afrikanischen Musik inspiriert ist. In die Zeit der Pubertät fallt auch das Kennenlernen der
eigenen Geschlechtlichkeit und der damit verbundenen Kräfte. Natürlich lebt gerade in der Romantik oft auch eine
sehr feine und sublime Form der Erotik in ihrer vielleicht edelsten Form, dies entspricht aber nicht mehr unmittelbar
dem Lebensgefühl unseres Zeitgeistes. Hier gilt es zu fragen, wie es uns gelingt, mit Hilfe der Kunst diese Kräfte
aufzugreifen, nicht zu unterdrücken, sondern sie in Schönheit zu verwandeln? Gleichzeitig kann man sich mit
einigem Recht fragen, ob in unserer Gesellschaft nicht ebenfalls zu einseitig nur der Kopfbereich durch zu viel
auswendig lernen und wiederkäuen angesprochen wird und daher die verständliche Sehnsucht nach Ausgleich
entsteht? Hier findet sich auch ein deutlicher Ausdruck unserer Zeit in Hip-Hop und Rap Musik wieder. Die Musik ist
schon immer eine wunderbare Möglichkeit gewesen den interkulturellen und persönlichen Daseinsbereich
anschaulich zu machen. Sag mir welche Musik Du hörst und ich sage Dir wer Du bist...
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