Frühlings Tag- und Nachtgleiche 2005 - Equinox am Fuße des Eselsbergs
Wir trafen uns am Nachmittag in Bodenrod. Die Temperaturen waren deutlich niedriger als die letzten Tage, aber die
Sonne schien an einem blauen Himmel und wärmte uns. Ausserdem hörten wir: “Wir haben den Frühling auch schon im Schnee
begrüßt!“.
Nachdem alle eingetroffen waren, versammelten wir uns zur Begrüßung, Einstimmung und Einweisung in der Hütte. Dann
verließen wir den Ort auf einem Pfad Richtung Wald. Im Gepäck waren Gewänder, ein Schwert, Zweige, sowie Feuerholz, Isomatten und Proviant
für das abschließende Frühjahrspicknick.
Schweigend sollte sich jeder auf dem zwanzigminütigen Weg innerlich auf das Ereignis einstimmen, Kontakt mit der
Natur und der Umgebung aufnehmen und möglichst wenig sprechen. Wir gingen der Sonne entgegen, die schon etwas tiefer am Himmel stand, aber
noch immer viel Wärme spendete. Links von uns lag der Eselsberg und rechts bis zum Waldrand weite hügelige Felder, die gerade neu bestellt
waren. Nach einer halben Stunde kamen wir oberhalb eines Bachlaufs und eines kleinen Teichs an eine Lichtung. Am Waldrand, direkt neben dem
Pfad, setzten wir uns im Wohnzimmer der Natur auf einen wunderbar natürlichen Moosteppich, der sogar alte Baumstümpfe überzog, die dann als
Sessel fungierten, und ruhten uns ein wenig aus, während die Leute der Vollmondgruppe den Festplatz vorbereiteten. Dazu lauschten wir den
Klängen von Katjas (oder war’s Tinkas?) Harfe, die sich durch die Bäume schwangen.
Dann wurden wir einzeln vom Zeremonienmeister mit einem Willkommensgruß empfangen und auf die Lichtung geschickt,
auf der bereits die letzten Sonnenstrahlen verschwunden waren und die Schatten immer länger wurden. Wir legten unser Gepäck ab und reihten
uns in den Kreisreigen um einen weiteren Harfenspieler und die Feuerstelle ein.
Nachdem der Kreis komplett war und rituell geschlossen wurde, wurden die vier Himmelsrichtungen angerufen und die
Elemente mit ihren Grundenergien in den Kreis gebeten. Es folgten viele verschiedene Begrüßungen in alten keltischen und nordischen
Sprachen zur Eröffnung mit Gesang, Harfenspiel, Tanz und Dichtkunst. Eine Vielzahl von Göttern, die lange vermisst waren, wurden angerufen
und singend empfangen, mit ein paar vorgetragenen Gedichten wurde der Frühling angekündigt. Mit dem raunen der Runen, jede einzelne
dreimal, klinkten wir uns in den großen Kraftstrom ein. Drei Frauen beteten zur Erdmutter, in ihrer Dreiheit: Die junge fruchtbare
Frühlingsgöttin, die lebensspendende nährende Mutter und die Alte, die Weise, die mit dem Frühling Erneurung verspricht. Mutter Erde wurde
gebeten ihre Frühjahrskräfte zu entfalten. Als inzwischen die Dunkelheit den Platz überdeckte, gab es als einen Höhepunkt ein wunderschönes
rituelles Mysterien-Spiel, welches den Kampf zwischen der Sonne und den Eisriesen darstellte,
das mit dem entfachen des Feuers endete. Der traditionelle Feuersprung durfte nicht fehlen. Nachdem
alle beim Tanz ums Feuer noch ein Zweiglein bekommen hatten und noch ein wohlwollender Gruß vom Zeremonienmeister an den Rest der Welt
geschickt war, erklang erneut das Harfenspiel des Barden, ein großes Trinkhorn wurde herumgereicht und jeder Einzelne bejubelte mit einem Blot noch einmal die schönen Aspekte der kommenden Jahreszeit. Die Kräfte der Himmelrichtungen wurden wieder verabschiedet, wir schlossen das Ritual mit einem reichhaltigen Festmahl im Schoße der Natur ab.
„Eso“matten –wie jemand scherzhaft sagte- wurden um die Feuerstelle gelegt und die Mitbringsel
verteilt. Es gab Wein, Saft, Wasser, Brot und Kuchen in verschiedensten Varianten, Kekse, Nudelsalat, Tzaziki, Schafkäse, Trauben und und
und. Alle Köstlichkeiten wurden herumgereicht und jeder konnte aus dem Vollen schöpfen. Das muntere Schlemmen, Plaudern und Lachen wurde
noch von einer kleinen unterhaltsamen Kurzgeschichte untermalt, während das Feuer wuchs und mit ihm seine Wärme, die uns gegen die
fallenden Temperaturen der eingetretenen Nacht schützte.
Als alle gesättigt waren und der letzte Scheit im Feuer brannte, packte jeder sein Bündel und wir machten uns für
den Aufbruch zum Rückweg bereit. Um den Platz gebührend zu verlassen umkreisten wir ihn dreimal bevor wir ihn verließen, wie wir es auch am
Anfang taten und traten meist schweigend den Rückweg an. Ein klarer Sternenhimmel und der hell leuchtende zunehmende Mond halfen uns
problemlos durch den Wald und die schon weitfortgeschrittene Nacht zu kommen. Noch einmal konnten wir die Schönheit und das Wunder der
Natur und ihrer Landschaft im Mondschein in uns aufsaugen.
Kurz vor unserem Ausgangspunkt gab es noch eine kleine „Hürde“ um den Sprung zurück in den Alltag machen zu
können. Die „schwarze Wildsau“ musste beruhigt werden. Sie ließ einen nur vorbei, so man eine kleine Weisheit preis gab. Wohlig
grunzen gewährte die Sau allen die Passage, denn keiner der 23 war ohne Sinnspruch.
Von da an konnte jeder wieder seiner eigenen Wege ziehen. Ich verabschiedete mich von einigen und bedankte mich
für den angenehmen Abend und entschwand in meinen sonntagabendlichen Alltag nach Maibach.
Danke für das schöne Ritual.
Stephan
Tag und Nachtgleiche, Bodenrod, 20.03.2005
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